23. Februar 2026

Deutsch-griechischer Jugendaustausch

Von editorial team

Erinnern als Brücke der deutsch-griechischen Beziehungen

von Ronald Meinardus

Die Zeiten, in denen Lehrerinnen und Lehrer vor der Tafel standen, um der Schülerschaft den Stoff einzuprägen, gehören mehr und mehr der Vergangenheit an – und das ist gut so. Im Folgenden geht es um ein pädagogisches Projekt, das jungen Menschen aus Deutschland und Griechenland einen alles andere als unkontroversen Stoff näherbringen will.

„Auf den Spuren der gemeinsamen Geschichte“ lautet der Titel eines einwöchigen deutsch-griechischen Jugendaustauschs, der Ende August in Vitsa stattfand – einem malerischen Bergdorf, rund eine halbe Autostunde von Ioannina entfernt. Die Bildungsmaßnahme wurde in diesem Jahr von der griechischen Organisation „Epekeina Hora“ („Das Land dahinter“) und dem Berliner deutsch-griechischen Verein „Exantas“ organisiert und vom Deutsch-Griechischen Jugendwerk finanziell gefördert wird.

Längst ist erwiesen, dass wir besonders intensiv lernen, wenn wir Erfahrungen teilen und in Gruppen unterschiedliche Sichtweisen diskutieren. Das gilt umso mehr, wenn es um kontroverse Perspektiven und deren kritische Auseinandersetzung geht. Gewiss gibt es verkehrstechnisch günstigere Seminarorte als das abgelegene Vitsa. Doch wenn es darum geht, Geschichte aufzuspüren, zu erleben und aus ihr zu lernen – wie es die Veranstalter in der Ausschreibung der Jugendbegegnung versprachen –, ist dieser Ort kaum zu übertreffen.

Während der deutschen Okkupation Griechenlands von 1941 bis 1944 verübten Wehrmachtseinheiten in der Region unzählige Verbrechen: Sie plünderten, brannten Dörfer nieder, massakrierten Zivilisten, deportierten fast die gesamte jüdische Bevölkerung – die später in Vernichtungslagern ermordet wurde.

Wie ein Schatten liegt diese Vergangenheit über den deutsch-griechischen Beziehungen. Immer wieder kommt sie zur Sprache, wenn Deutsche und Griechen ins Gespräch geraten. Die Veranstalter baten mich, über meine aktuellen Forschungsergebnisse zum Griechenland-Bild in Deutschland und zum Deutschland-Bild in Griechenland zu referieren. Zehn junge Erwachsene aus jedem Land nahmen teil. Viel einprägsamer als die kalten Zahlen aus der Welt der Demoskopie – so mein Empfinden – waren indes die persönlichen Erfahrungen der Τeilnehmenden an den besuchten historischen Stätten, die ungezählten Diskussionen im Plenum und in den Kleingruppen – und am Rande in der Taverne.

Eine Schlüsselrolle in den Beziehungen beider Länder spielt der Ort Lingiades. Am 3. Oktober 1943 massakrierten deutsche Soldaten dort 92 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder. Heute erinnert ein Mahnmal an das Verbrechen. Als Bundespräsident Joachim Gauck 2014 – gut 70 Jahre später – genau dort seine Rede über die deutsche Verantwortung hielt, bat er „mit Scham und Schmerz“ um Verzeihung und kündigte die Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks an. Nach politischem Tauziehen nahm es 2021 die Arbeit auf. Gaucks Botschaft war klar: Die Gräueltaten dürften nicht in Vergessenheit geraten. Erinnerungskultur bildet seither einen Grundpfeiler der deutschen Griechenland-Politik.

Doch nicht überall in Griechenland stößt diese Form des staatlich geförderten Erinnerns auf Zustimmung. In etlichen Märtyrergemeinden, die Opfer deutscher Kriegsverbrechen wurden, reicht die Ablehnung von leiser Kritik bis zu offenem Widerstand. Offiziell unterstützte Programme – auch das Jugendwerk – gelten Kritikern als Feigenblatt, um von der Forderung nach Reparationen abzulenken.

Die Teilnehmenden in Vitsa setzten sich nach gründlicher Information seitens der aus Berlin angereisten Organisatoren der Jugendbegegnung, Olga Drossou und Andreas Poltermann, in Arbeitsgruppen kontrovers mit diesen Fragen auseinander. Nationale Frontstellungen waren dabei nicht zu erkennen. Von beiden Seiten war zu hören, dass die Verbrechen der Vergangenheit eine Lehre für kommende Generationen sein müssten. Häufiger Hinweis war auch, dass die behandelten Themen in den offiziellen Lehrplänen kaum vorkommen und große Wissenslücken bestehen.

Solche Veranstaltungen können helfen, diese Lücken zu schließen. „Ich hatte noch nie von diesen Ereignissen gehört“, sagte ein Teilnehmer aus Deutschland nach dem Besuch des Mahnmals in Lingiades. „Diese Eindrücke werde ich nie vergessen – und auch an meine Kinder weitergeben.“

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Eine frühere Version dieses Artikels erschien auf Deutsch in der Griechenland Zeitung im September 2025. Der Artikel ist in “exantas” Heft 41 erschienen.

Dr. Ronald Meinardus, lebt und arbeitet in Athen. Er ist politischer Analyst und durchleuchtet beim renommierten griechischen Think Tank für Europäische und Auswärtige Politik (ELIAMEP) die deutsch-griechischen Beziehungen in Studien, Artikeln und Vorträgen.