13. Mai 2022

Die Waldbrände und der Waldschutz im griechischen Raum

Von Editorial Team


Nikos Nikissianis*

  

Jeden Sommer zerreißen uns die Waldbrände das Herz. Wenn einen Wut und Schmerz überfluten, kommt einem zunächst einmal kaum etwas anderes in den Sinn als die zu verfluchen, die Schuld an diesen Tragödien tragen – speziell die jeweilige Regierung. Und zu Recht: Man wünscht sich, dass alle Flüche Realität werden, denn die Schuld ist real, fortbestehend und kriminell. 

Doch am nächsten Tag muss man einen Schritt zurücktreten, um ein umfassenderes Bild zu bekommen. Wenn man etwas Erfolgreiches gegen die Waldbrände unternehmen will, in einer derartig komplexen, ökologischen und gesellschaftlichen Angelegenheit, muss man deren Ursachen und ihre Folgen wirklich ernsthaft verstehen, ohne Vereinfachungen.

 

Thema Nr. 1, die Klimakrise


Die Auseinandersetzung muss damit beginnen und enden, dass man den Elefanten im Raum anspricht, nämlich die Klimakrise. Nicht als Rechtfertigung für die Unzulänglichkeiten des politischen Waldschutzes, sondern inwiefern der Klimawandel garantiert, dass in den kommenden Jahren die Waldbrände zunehmen werden, und deshalb eine wirksame Bekämpfung dringend erforderlich macht.

Grob umrissen treten die Waldbrände umso häufiger und intensiver auf und betreffen umso größere Flächen, je trockener das Material ist, das sich entzündet, das heißt, entsprechend der Anzahl von Dürre- und Hitzetagen. Und diese beiden Variablen drohen während der mediterranen Sommer zuzunehmen. Ohne sich in zu viele Fakten zu verlieren, muss man sich nur vor Augen führen, dass die beiden verheerendsten Jahre während der letzten dreißig Jahre, 2007 und 2021, von langen Dürreperioden und intensiver Hitze gekennzeichnet waren.

Heuer haben die Menschen in vielen Bergregionen, wo es normalerweise selbst im Sommer fast jede Woche regnet, bis zu anderthalb gänzlich regenfreie Monate erlebt, während an der Peripherie der Brände, die zu Recht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, tausende Anbaugebiete (und auch Landwirte) unter der anhaltenden Hitzewelle verbrannt sind.


Normale Phänomene oder Katastrophe


Natürlich ist der Klimawandel nicht der „Grund“ für die Waldbrände. Waldbrände brauchen keinen Grund, sie sind ein absolut normales, sogar notwendiges Phänomen, das eingebettet ist in die Sukzessions- und Erneuerungszyklen der Waldsysteme, besonders der mediterranen.

Wenn sich bei uns hier ein kahler Boden zu bewalden beginnt, sind bei den Bäumen meistens die Kiefern im Vorteil, denn sie brauchen weniger Wasser und mehr Licht. Doch indem deren erste Generation heranwächst, wandeln sich die Bodenbedingungen: das Licht verringert sich – durch den eigenen Schatten – und die Feuchtigkeit nimmt zu. Unter diesen Bedingungen bekommen die jungen Kiefern allmählich Probleme, während andere Arten deutlich besser gedeihen, wie etwa die Eiche in den niedrigeren Höhen und weiter oben dann Buche und Tanne. Wenn sich diese Entwicklung also jahrzehntelang ungestört fortsetzt, machen die Kiefern nach und nach den anderen Arten Platz.

Für die Kiefern liegt die einzige Möglichkeit, den verlorenen Boden zurückzugewinnen, darin, eine plötzliche Katastrophe zu „provozieren“, damit sie auf dem wieder entblößten Boden von neuem im Vorteil sind. Deshalb haben sich die mediterranen Kiefernarten so entwickelt, dass sie sich nicht nur nach einem Brand problemlos regenerieren, sondern durch ihre leicht entzündlichen Bestandteile die Ausbreitung eines Brandes sogar begünstigen. Wer in der Natur nach „Harmonie“ sucht, drückt ihr nur seine eigenen Vorstellungen von der Welt auf.

In der leichtfertigen öffentlichen Sprache verwandeln sich allerdings solche bekannten ökologischen Bezüge leicht in Schreie wie „Kiefern gleich Brandstifter“ und dann zur Anklage „derer, die Griechenland mit lauter Kiefern bepflanzt haben“ und weiter zu ministerpräsidentiellen Verlautbarungen, dass wir diesmal „die richtigen (sic) Bäume pflanzen werden“. Die Kiefern gibt es nicht, weil sie irgendein Ahnungsloser angepflanzt hat, sondern genau deshalb, weil sie – wie schon gesagt – die Baumart sind, die dazu tendiert, als erste kahle Flächen zu bedecken. Und viele, ja die meisten Wälder, die wir heute in Griechenland haben, waren bis vor kurzem noch genau das: kahle Flächen.


Mehr Wälder, mehr Brände


Vielleicht ist es nicht ganz leicht zuzugeben, doch in der jüngsten Geschichte war der griechische Raum noch nie so von einer Seite zur anderen bewaldet wie heute. Der Grund dafür ist die plötzliche Aufgabe des ländlichen Raums, vor allem in den Bergen und auf den Inseln, die substanzielle Aufgabe der Gebirgslandwirtschaft und der extensiven Tierhaltung. Viele von uns kennen das vielleicht von einem uns vertrauten Dorf, aber wir übertragen es nur selten auf die Gesamtheit des Landes.

Die Landschaft hat sich im ländlichen Raum Griechenlands rapide verändert. Weiden und Felder sind verwaldet, lichte Wälder haben sich verdichtet. Dort wo vor 50 Jahren Tausende Ziegen auch noch den letzten Ast wegfraßen, erstrecken sich heute junge Wälder mit Kiefern und Eichen. Wo Tausende von Menschen, Holzfäller, Hirten, Harzsammler und andere in den wenigen Wäldern unterwegs waren, herrscht heute Einsamkeit. Selbst die Holzfällerei beschränkt sich auf wenige Wälder von hoher Produktivität, während große Gebiete im Wesentlichen ohne Bewirtschaftung bleiben – das heißt sie werden allmählich zum Urwald.

Ob man es als gut oder schlecht ansieht, ist nicht von Bedeutung, so ist es eben. Eine der unweigerlichen Folgen dieses Wandels ist auch eine rapide Zunahme des brennbaren Materials, insofern auch der Gefahr und der Ausdehnung von Bränden. Eine weitere sichere Folge ist die Absorption von mehr CO2 und die Verlangsamung des Klimawandels. Ebenso die Zunahme natürlicher Biotope. Aber auch die verminderte Heterogenität von Landschaft und Ökosystemen.

Erwarten Sie in der Ökologie keine einfachen Antworten darauf, was gut und was schlecht ist. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, sondern der Gesellschaft, das zu entscheiden. Wollen wir die Vermehrung und Verdichtung der Wälder kontrollieren, um so die Gefahr von Bränden zu begrenzen? Dann sollten wir, wie es manche vorschlagen, die traditionelle extensive Viehwirtschaft in den Bergen, die Harzsammler oder Holzfäller subventionieren. Sicherlich gäbe es heute solche Spielräume, aber wohl auch die entsprechende Bereitschaft? Würden wir unser Büro verlassen, um in einem Dorf mit 30 Personen zu leben und Ziegen zu hüten? Oder wollen wir die Wälder nur für Ökotourismus und Naturgenuss? Dann sollten wir sie lassen, wie sie sind, um auch den Klimawandel aufzuhalten, und sie so gut wie möglich vor Bränden schützen. Komplizierte Fragestellungen.


Waldschutz und Vorbeugung


Auf jeden Fall ist die Notwendigkeit eines Schutzes umso größer, je mehr sich die Wälder ausbreiten und veröden. Aber wie? Reichen die Rufe: „Schickt die Flugzeuge“? Nein, ganz sicher nicht. Wenn wir mit immer mehr und immer größeren Bränden in immer dichteren Wäldern konfrontiert sind, können uns auch sämtliche Flugzeuge der Welt nicht retten. Im Übrigen „löschen“ die Flugzeuge die Feuer auch gar nicht: Sie werfen Wasser ab, um das brennbare Material etwas abzukühlen, damit die Intensität des Feuers nachlässt, und die Bodenmannschaften es isolieren können. Allgemeiner gesagt: Waldbrände sind nicht zu „löschen“. Was die Feuerwehren versuchen, ist, sie auf die bereits verbrannten Flächen zu „begrenzen“ – so die vorherrschende Meinung.

Deshalb gibt es auch so tiefgreifende Zweifel an der Übertragung der Verantwortung für die Waldbrände auf die Feuerwehr vor 20 Jahren. Die Feuerwehr kann – in groben Zügen – „mit dem Schlauch in der Hand“ einschreiten: das Löschfahrzeug (über eine Straße) losschicken, die Schläuche mit Wasser füllen (aus einem Anschluss) und es aufs Feuer spritzen. Doch in den brennenden Wäldern gibt es häufig weder Straßen noch Wasseranschlüsse noch -Wassertanks, und bei einem brennenden Kiefernwald sind eine Spritze oder auch zwanzig Spritzen (wenn überhaupt so viele dorthin gelangen) wie ein Tropfen auf einen heißen Stein.

Ich weiß also nicht, ob die Waldfeuerwehr zum Forstamt zurückkehren sollte oder ob man eine neue Sonderstruktur schaffen muss, die alle damit verbundenen Träger miteinschließt. Was wir wissen ist, dass der aktive und erfolgreiche Waldschutz Infrastrukturen benötigt (die Instandhaltung von Straßen, Wassertanks etc.), Wissen benötigt und viel Personal – viel mehr, als wir zur Verfügung haben –, mit guten Fachkenntnissen und geeigneten Mitteln.

Und am allernötigsten ist, dass sie gar nicht nötig ist. So schwer es ist, manchmal völlig unmöglich, einen großen Waldbrand zu begrenzen, so leicht ist es, einen kleinen Brandherd in den ersten zwanzig oder dreißig Minuten zu löschen, ein bis zwei Stunden vor seinem endgültigen Ausbruch, je nach den Umständen. Es reicht, wenn es jemanden gibt, der ihn bemerkt und jemanden informiert, der ihn löschen kann. Oder noch besser, wenn er ihn selbst löschen kann. Der allergrößte Teil der Brände entsteht an der Grenze vom Wald zu anderen Nutzungsgebieten (Straßen, Feldern, Mülldeponien, Häusern usw.), das heißt an relativ leicht erreichbaren Stellen. Das Feuer, das den Wald im westlichen Attika abgebrannt hat, war an einem kleinen Baum neben der Straße ausgebrochen, der lange brannte, obwohl ihn verschiedene Passanten mangels Kenntnis und geeigneter Mittel vergeblich zu löschen versuchten. Hätte nur einer von ihnen gewusst, was zu tun ist, wären wir höchstwahrscheinlich verschont geblieben.

Weil nun, wie schon erwähnt, immer weniger Menschen in den Wäldern leben, arbeiten und unterwegs sind, benötigen wir ein großes Netz von Waldfeuerwehrleuten, die die Überwachung übernehmen. Meiner Ansicht nach mögen sich die verschiedenen „intelligenten“ Überwachungsinstrumente, die von manchen empfohlen werden, wie Kameras, Drohnen etc., wohl klug anhören und auch gewisse Finanzierungen sichern, doch können sie nicht den Bedarf an Menschen ersetzen. Kameras löschen keine Feuer, wenn niemand in der Nähe ist, der rechtzeitig eintrifft. Selbst in einer vorrangig ökonomischen Sicht ist diese Investition zwar groß, aber doch im Vergleich viel geringer als die Katastrophen, denen wir so entgehen. Aber unser Ministerpräsident „ist es leid zu hören, dass alle diese Probleme durch die Einstellung von mehr Personal zu lösen sind.“


Die Beteiligung von Einwohnern und Freiwilligen


Doch da wir so viel Personal zur Überwachung so großer Waldgebiete nicht einmal im Sozialismus zur Verfügung haben werden, ist die Einbindung von Freiwilligen und Anwohnern in die Vorbeugung wertvoll und notwendig. Dasselbe gilt auch für das Feuerlöschen. 90 Prozent der Arbeit während des Löschens von Waldbränden (die Zahl nenne ich offensichtlich beispielhaft) betrifft fundamentale Erdarbeiten, vor allem Umgraben, Fällen von Bäumen, Entfernung von Ästen usw.

Und noch einmal: selbst wenn wir so viel Personal hätten (was nicht der Fall ist, denn wie gesagt „ist es“ unser Ministerpräsident „leid“), brauchen wir die Beteiligung der Anwohner und Freiwilligen, allerdings immer mit Vorsichtsmaßnahmen und der nötigen Koordination. Die „Kultur der Evakuierung“, die die Regierung durchzusetzen versuchte, war nicht nur politisch, sondern auch praktisch katastrophal. Die Geschichten aus Euböa, wo das, was gerettet wurde, dank des Ungehorsams der Bevölkerung gerettet wurde, waren dafür bezeichnend.

Herr Astri, der mit einem Zweig in der Hand versuchte, das Haus seines Nachbarn zu retten, wurde zu Recht zur sinnbildlichen Figur für den diesjährigen Sommer. Um wieviel besser wäre es gewesen, wenn Herr Astri und jeder oder jede von uns gelernt hätte, auf welche Weise genau man das Feuer mit einem Zweig löschen kann? Denn das ist durchaus machbar und sinnvoll, wenn es nur richtig ausgeführt wird: indem man nämlich auf die Erde schlägt und versucht, das brennende Objekt abzudecken, und nicht indem man auf das Objekt selbst schlägt, denn sonst führt man dem Feuer nur weitere Luft zu.

Wie einfach wäre es, uns so etwas beizubringen? Jede Gemeinde, jede Gruppe von Bürgern müsste eine elementare Ausbildung haben und wissen, was bei den verschiedenen Brandsachverhalten zu tun wäre. Das wäre ein echter, sinnvoller „ziviler Schutz“, nicht wie der militarisierte, demonstrative, aber zutiefst unwirksame „Zivilschutz“ des Herrn Chardalias.[1]


In Erwartung des nächsten Sommers


Was ist also zu tun, damit wir weniger unter den kommenden Sommern zu leiden haben? Zuallererst unterstützen wir die Dörfer und die Menschen auf dem Land, damit sie dortbleiben und dort arbeiten und auf ihre Wälder aufpassen. Wir unterstützen die extensive Tierhaltung, die Landwirtschaft, die Holzfällerei. Nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen, sondern auch aus Umweltgründen.

Zweitens machen wir auf jeder Ebene Druck, von der Regierung bis hinunter zu den örtlichen Gemeinden, für mehr Vorbeugungs- und Waldschutzmaßnahmen. Nicht – so sehr – für Flugzeuge, sondern für Menschen. Das heißt, für die Einstellung von Personal. Drittens organisieren wir besonnen und programmiert die gesellschaftliche Beteiligung an Überwachung und Feuerlöschung. Wir gründen freiwillige Waldschutzgruppen und bilden sie aus.

Und schließlich, um wie anfangs versprochen abzuschließen, bekämpfen wir den Klimawandel. Es ist heuchlerisch, Tränen über die abgebrannten Wälder zu vergießen und gleichzeitig den früheren Athener Flughafen Ellinikon vollzubauen oder die Internationale Messe in Thessaloniki, unsere Städte mit noch mehr Autos vollzustopfen und den öffentlichen Nahverkehr zu deklassieren.

Wir sagen oft, die Klimakrise sei der Kampf unserer Generation. Und so ist es auch. Doch auch hier braucht es Maß und Ziel. Die Ökologie hat oft ausgerufen, „das Ende der Welt kommt“, und deshalb müssten wir angesichts der dräuenden Katastrophe jedes andere Thema beiseiteschieben. Dieses Katastrophengerede fördert weder das Denken noch das Handeln. Wir müssen die Klimakrise aufhalten, aber nicht zu jedem Preis, wenn dieser Preis bedeutet, dass ihn die Armen bezahlen müssen – und nicht auf jede Art und Weise, wenn dies andere Katastrophen in Umwelt und Gesellschaft bedeuten würde, wie sie zum Beispiel die anarchische, das heißt neoliberale, Entwicklung der erneuerbaren Energien mit sich bringt. Wie schon gesagt, das Gebiet der Ökologie bietet sich nicht für einfache Lösungen an.

 

Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand 


[1] Staatsminister für Zivilschutz in der Regierung Mitsotakis (von März 2020-August 2021) (A.d.Ü.)

 

*Geb. in Kavala, studierte an der Aristoteles Universität Thessaloniki, Doktor der Biologie, Forschungsschwerpunkt Geschichte der Ökologie und Einfluss der vorherrschenden Ideologie auf wissenschaftliche Prozesse. Er lebt und arbeitet in Thessaloniki. Autor zahlreicher Bücher über politische Ökologie.